Die angebliche Radovan-Karadzic-Webseite ist eine Fälschung. Sie wurde erst einen Tag nach der Verhaftung des Ex-Serbenführers von Unbekannten ins Netz gestellt. Ein Foto auf dieser Webseite liefert den eindeutigen Beweis.
"Ich betreibe mein Geschäft von zu Hause aus", sagt Michael Brown. Der US-Amerikaner besitzt eine Webseite und möchte nicht, dass seine Privatadresse und seine Telefonnummer in öffentlich zugänglichen Domain-Datenbanken aufgelistet werden. Das empfehle er allen, die Wert auf den Schutz ihrer Privatsphäre legen, sagt Michael Brown.
Ob es diesen Herrn wirklich gibt, mag man bezweifeln. Die US-Firma Enom jedenfalls wirbt mit seinem Statement für einen ganz besonderen Service: die anonyme Registrierung von Domainnamen. Wer über die im US-Bundesstaat Washington ansässige Firma eine Domain registrieren lässt, kann sicher sein: Name, Anschrift und Telefonnummer des Domaininhabers werden nicht veröffentlicht. Stattdessen setzt die Firma ihre eigenen Daten ein.
Das mag tatsächlich praktisch sein. Spammer und Identitätsdiebe grasen gern die Datenbanken, in denen alle Domainbesitzer mit Namen und Anschrift aufgelistet sind, nach potenziellen Opfern ab. Die anonyme Registrierung zieht jedoch auch Internetbetrüger und andere Kriminelle an. Im Fall des Ex-Serbenführers Radovan Karadzic nutzten Unbekannte diesen Dienst, um eine Homepage für Dr. Dragan Dabic alias Radovan Karadzic nach dessen Verhaftung einzurichten.
Die unbekannten Webseitenbetreiber schusterten auf die Schnelle eine 08/15-Webseite zusammen, garnierten sie mit sieben Bildern, die den in Belgrad untergetauchten Karadzic in seiner Rolle als Dr. Dragan Dabic zeigen, fügten einen zweisprachig in Serbisch und Englisch geschriebenen falschen Lebenslauf hinzu und ließen sich die Domain dragandabic.com anonym registrieren. In den Domaindatenbanken taucht nur der "Whois Privacy Protection Service" der Firma Enom auf.
Hat Radovan Karadzic alias Dr. Dragan Dabic diese Homepage selbst betrieben oder zumindest in Auftrag gegeben? Das Haager Kriegsverbrechertribunal wirft Karadzic Völkermord vor. Der Ex-Serbenführer wurde international gesucht. War sich Karadzic seiner selbst und seiner neuen Identität als weißbärtiger Psychiater Dr. Dragan Dabic so sicher, dass er sogar sieben Bilder von sich auf die Homepage setzte? Die eindeutige Antwort lautet: Nein. Die Dabic-Seite ist eine plumpe Fälschung.
Das wichtigste Indiz: Die Webdomain dragandabic.com wurde am 22. Juli, also erst nach der Verhaftung des untergetauchten Karadzic registriert. Das geht aus dem entsprechenden Eintrag in der "Whois"-Domaindatenbank hervor. Die Webseite wurde also erst online gestellt, nachdem Karadzic enttarnt und verhaftet worden war.
Zum selben Ergebnis führt eine Google-Suche, die heute.de am Mittwochnachmittag durchgeführt hat. Als Suchphrase wurde eine markante Textstelle von der Webseite benutzt. Google benötigte nur 0,12 Sekunden um die zugehörige Webseite zu finden. Die Seite befand sich also schon im Google-Index - allerdings erst seit siebzehn Stunden. Darauf wird in der Google-Suchergebnisliste ausdrücklich hingewiesen.

Alle anderen getesteten Suchmaschinen konnten mit der eingetippten Suchphrase nichts anfangen. Sie lieferten keine Ergebnisse - auch das ließ darauf schließen, dass die Webseite erst seit kurzem online stand. Ein weiteres Indiz: Im Internet Archive ist die fragliche Webseite nicht gespeichert. Sie musste also jünger als sechs Monate sein. Denn alle in diesem gemeinnützigen US-Archiv abgelegten Webseiten werden erst nach einem halben Jahr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Den eindeutigen Fälschungsbeweis liefert eines der sieben Bilder, die auf der Homepage veröffentlicht wurden. Eines davon zeigt Karadzic zusammen mit einer schwarzhaarigen Frau bei einer Fernsehdiskussion. Schaut man in den Quelltext dieses Fotos, findet man die folgenden englischen Sätze:

In der Übersetzung liest sich das so: "Dieses Videobild aus dem Fernsehen in Kikinda zeigt den ehemaligen Kriegsführer der bosnischen Serben Radovan Karadzic, rechts, der unter falscher Identität als Dragan Dabic am 28. Januar 2008 an einer vom "Healthy Life"-Magazin unterstützten Konferenz im serbischen Kikinda teilnimmt."
Weiter heißt es im Quelltext des fraglichen Bildes, das offenbar von einer Nachrichtenagentur nach Karadzics Verhaftung verbreitet wurde: "Karadzic wurde offiziellen Angaben zufolge am Montagabend, dem 21. Juli 2008, in einem Belgrader Vorort festgenommen." Die Webseitenbastler benutzten also ein Foto, das erst nach Karadzics Verhaftung in Umlauf gebracht worden war.
Wer die Webseite wirklich ins Netz gestellt hat, lässt sich nicht ermitteln. Die US-Firma, die die Registrierung vorgenommen hat, hüllt sich in Schweigen - so sie den Auftraggeber denn überhaupt kennt. Die Registrierung von Webdomains erfolgt bei der US-Firma online. Eine Identitätskontrolle findet nicht statt.