Immer mehr Schüler werden systematisch mit Medikamenten ruhiggestellt, warnen Experten. Häufig drängen Lehrer und Erzieher die Eltern geradezu, ihren angeblich hyperaktiven Kindern ADHS-Medikamente wie Ritalin verschreiben zu lassen. Sie werden dabei gelegentlich sogar zu "Tablettenverteilern".
Marion Dietz fühlte sich unter Druck gesetzt. Als ihr Sohn Kevin gerade mal vier Jahre alt war, rieten die Erzieher im Kindergarten dazu, dem Kind das ADHS-Medikament Ritalin verschreiben zu lassen - Kevin sei so aggressiv. Die Mutter weigerte sich. In der Folge "kam es, dass er in die Vorschule sollte", erzählt sie. Der Kindergartenplatz wurde gekündigt, mit der Begründung: "Die Problematik wurde deutlich angesprochen. Kevin benötigt die richtige medikamentöse Therapie".
Beim Vorstellungsgespräch für die Vorschule beschrieb Marion Dietz ihren Sohn. Daraufhin bezeichnete die Lehrerin Kevin als ein "typisches ADHS-Kind", allerdings ohne ihn gesehen zu haben. Da es viele solcher Fälle gäbe, meinte die Lehrerin weiter, kenne man sich gut aus. Den Kinderarzt und Psychotherapeuten Dietrich Schultz ärgern solche Fälle von "Schmalspurmedizin", wie er es nennt. Sein Eindruck ist: "Es geht ja eigentlich um Erwachsene, die hier ihre Ruhe haben wollen - und das ist das Fatale".
Auch in der Vorschule habe die Lehrerin gedrängt, die Mutter möge für Kevin ein ADHS-Medikament besorgen, berichtet Marion Dietz. Die Schuldirektorin habe sie sogar vor die Wahl gestellt: Ohne Medikament kein Platz für Kevin. "Ich bin ja praktisch genötigt worden, das Kind auf eine Medikation zu setzen, damit er erstmal in die Schule gehen kann". Doch die Tabletten hätten trotz Erhöhung der Dosis nicht geholfen, Kevin wurde nur noch aggressiver. "Er ist schon in der Früh, wenn er abgeholt wurde, im Bus auf die Kinder losgegangen", erinnert sich die Mutter. Für die Vorschule sei er wenig später untragbar gewesen.
Kevin selbst sagt: "Die Tabletten machen mich noch böser". Die Mutter sorgte sich auch wegen der Nebenwirkungen. So hätte ihr Junge "Junkie-Augen" gehabt, "man hat fast keine Augenfarbe mehr gesehen", sagt sie.
Auch Franz F. berichtet von beunruhigenden Nebenwirkungen von Mitteln wie Strattera und Ritalin. Er war Lehrer an einem Internat, bei dem sich Eltern die Ausbildung ihrer Sprösslinge über 27.000 Euro pro Schuljahr kosten lassen. Viele Schüler hätten ADHS-Medikamente eingenommen. Franz F. beobachtete Appetitlosigkeit, Lustlosigkeit - und mehr: "Manchmal ging es Richtung Depression, fast apathisch waren manche Kinder. Dann aber wiederum ein komplett umgekehrtes Verhalten: absolute Aggressionsmomente gegen Schüler und Lehrer". Die Reaktion seiner Kollegen war eine Diskussion darüber, ob man die Dosis erhöhen solle.
Die ADHS-Medikamente seien an die Schüler ausgeteilt worden - unter anderem von der Hausdame des Internats. Für die war es "ein reiner Verwaltungsjob", meint Franz F.. Er und seine Kollegen "hatten die Anweisung, die Einnahme der ADHS-Medikamente zu kontrollieren".
Der Hirnforscher Professor Gerald Hüther warnt vor Auswüchsen bei der Verschreibung und Verabreichung von ADHS-Medikamenten. So "kümmern sich Lehrer schon um Bereiche, für die sie gar nicht zuständig sind", diagnostizieren bei unruhigen, zappeligen Kindern ADHS und sorgen dafür, "dass die zum Arzt geschickt werden". "Die Lehrer" werden "dann unter Umständen zum Tablettenverteiler" für die hyperaktiven Schüler ihrer Klassen.
Dabei streiten Experten, ob ADHS wirklich eine Krankheit ist oder lediglich ein lebhafter Teil der normalen Entwicklung von Kindern - wie bei aus der Literatur bekannten Figuren wie Zappelphillip, Pippi Langstrumpf oder Tom Sawyer.
Hüther erklärt die Entstehung von ADHS, dem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssysndrom, jedenfalls so: "Wenn Ärzte vor dem Problem stehen, dass bestimmte Symptome auftreten, versuchen sie herauszufinden, ob es sich um etwas handelt, das man als Krankheit bezeichnen kann. Und da es Krankenkassen gibt, die nur dann bestimmte Behandlungen abrechnen, wenn man eine bestimmte Nummer für eine bestimmte Erkrankung auf den Zettel schreibt, muss man Krankheitsbilder definieren, um überhaupt als Arzt tätig zu sein und abrechnen zu können." Eine Krankheit kann also entstehen, weil die Krankenkasse die Behandlung verbuchen muss? Sicher ist, ADHS wird erst seit Anfang der 90er Jahre als Krankheit diagnostiziert. Hyperaktive Kinder gibt es schon länger.
Schultz hat die Entwicklungsgeschichte von ADHS in den USA beobachtet. Nach der Anerkennung der Krankheit seitens der Krankenkassen, "wurden auch die Kosten übernommen - und in diesem Moment stieg der Verbrauch des Medikaments raketenartig an". Schultz sagt weiter: "So ein ähnliches Phänomen stellen wir auch hier in Deutschland fest". Nach einer Erhebung der Bundesopiumstelle stieg zwischen 1993 und 2008 der Verbrauch von Methylphenidat drastisch an - auf mehr als das 40-fache.
Methylphenidat ist in den ADHS-Medikamenten Ritalin, Medikinet, Equasym, Concerta und Rubifen enthalten und dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt - denn die Substanz ist aufputschenden Amphetamin-Drogen verwandt, die als "Speed" oder "Ectasy" bekannt sind. ADHS-Medikamente gehören bei elf- bis 14-jährigen Kindern mittlerweile zu den am meisten verschriebenen Arzneien. Sie seien außerdem in etwa 20 Mal billiger als eine Psychotherapie für verhaltensauffällige Kinder, sagt Hüther.
Schultz fügt hinzu, dass ADHS zwar als häufigste Stoffwechselkrankheit im Kinder- und Jugendalter gelte, nur weiß man weder "wie das Medikament eigentlich wirkt, noch hat man feste Diagnosekriterien. Man weiß überhaupt nichts. Man weiß nur, dass man ein Problem hat. Und dann weiß man, dass man ein Medikament hat - und dann gibt man es halt".