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09. Februar 2010
 

Frontal21

 
Nächste Sendung: 23.02.2010

Fußballträume auf Steuerkosten

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Der Beitrag als Video

Fußballträume auf Steuerkosten

Wie Bundesligaclubs und Amateurvereine Millionen auf die Bürger abwälzen

von Andreas Halbach, Thomas Reichart und Christian Rohde

Schalke 04 ist die Macht im Revier, singen die Fußballfans des Traditionsvereins. Doch dessen Fußballgötter in Blau-Weiß sind so kostspielig, dass Schalke geplagt ist von Geldsorgen. Kuranyi und Co. verdienen rund 70 Millionen Euro im Jahr. Die Ausgaben für Spieler und das Stadion, die "Arena auf Schalke", drücken so schwer, dass die Lizenz für die Bundesliga aberkannt werden könnte. Zwangsabstieg und Amateurliga wären die Folge.

 
 
 
 

Nun will die Stadt Gelsenkirchen Schalke 04 retten. Damit die Fußballträume nicht zerplatzen, steigen die Stadtwerke, die Gesellschaft für Energie und Wirtschaft (GEW), bei Schalke ein. Die städtische Firma kauft für 20,5 Millionen Euro Anteile an der Arena auf Schalke und sichert so dem Verein das Überleben. Und das, obwohl die Stadt Gelsenkirchen seit Jahren hoch verschuldet ist.

 

Fragwürdiger Millionendeal auf Schalke

Der Grüne Landtagsabgeordnete Horst Becker hält den Schalke-Deal für fragwürdig. Die Millionen wären "sicherlich weit besser in Einrichtungen der Stadt angebracht, die der Allgemeinheit dienen, Schwimmbäder, Kindergärten etc, und nicht unbedingt bei einem Profiverein, wo die Profifußballer offensichtlich nicht durch Gehaltsverzicht dazu beigetragen haben, den Verein aus einer Schieflage zu befreien."

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nachgehakt vom 17.11.2009

Frontal21 berichtete über den tief verschuldeten Bundesligaverein Schalke 04. Ausgerechnet die ebenfalls hoch verschuldete Stadt Gelsenkirchen sollte dem Millionärsklub helfen. Der Plan: Die Stadtwerke kaufen für 20,5 Millionen Euro Anteile am Schalker Stadion. Jetzt hat der Stadtrat dem Rettungspaket zugestimmt - mit nur einer Gegenstimme.

 

Der Finanzvorstand von Schalke 04, Peter Peters, gesteht im Frontal21-Interview die Geldsorgen ein. Der Fußballclub sei in Finanznot, "weil der Verein, durch die letzte Spielzeit Ein- und Ausgaben nicht mehr in Einklang bringen kann." Schuld sei vor allem die verpasste Championsleague-Qualifikation. "Das ist nun mal im Fußball so, da kann man sich drüber aufregen. Aber manchmal liegt es nur an einem Spiel", sagt Peters. Der Manager verspricht, dass der Stadt "kein Geld verloren geht." Das Investment der GEW werde mit einer angemessenen Rendite verzinst "und wird wieder mit Heller und Pfennig zurück bezahlt".

 

"Positive Effekte für den FC Schalke 04"

Der Geschäftführer der GEW, Ulrich Köllmann, dagegen will sich im Interview mit Frontal21 nicht festlegen, mit welchen Gewinnen die städtische Firma aus dem Schalke-Geschäft rechnen kann. Wichtiger seien "positive Effekte für den FC Schalke 04" und "für die Stadt Gelsenkirchen und für die gesamte Region". Köllmann prognostiziert, dass in den kommenden Jahren erst einmal bisherige geplante Verluste der "Arena auf Schalke" aufgefangen werden müssten. Frühestens "2016, 2017 oder ähnlich" könnte es Gewinnausschüttungen geben.

 

Ob diese Rechnung aufgeht, steht allerdings in den Sternen, denn sie hängt vor allem von den sportlichen Leistungen der Schalke-Kicker ab. Bisher steht die Mannschaft nicht auf einem Tabellenplatz, der sie für die Geldquelle Champinos League qualifiziert. Auch Träume von der Meisterschaft waren in den vergangenen Jahren regelmäßig am Ende der Saison zerplatzt.

Ausverkauftes Olympiastadion in Berlin. Quelle: imago
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Olympiastadion Berlin - Kosten 240 Millionen Euro
Christian Pospischil (l) gegen Pavel Dobry. Quelle: imago
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Dynamo Dresden gegen Kickers Offenbach

Schalke ist überall

Auch andere Bundesligaclubs profitieren vom Steuerzahler. Das Olympiastadion in Berlin wurde für über 240 Millionen Euro vom Bund und der ebenfalls hoch verschuldeten Stadt Berlin bezahlt. Die Hauptstadt muss einen rund 45-Millionen-Euro-Kredit bedienen. Außerdem hat Hertha BSC wegen seiner Finanzprobleme einen günstigen Pachtvertrag durchgesetzt. Berlin verzichtet dabei angeblich auf 1,3 Millionen Euro pro Jahr.

In Frankfurt und Offenbach sahen beide Städte jeweils den Bedarf für ein neues zweitligataugliches Stadion für rund 15.000 bis 18.000 Zuschauer - für den FSV Frankfurt und die Kickers Offenbach (OFC). Ein gemeinsames Stadion für die beiden Vereine hätte eine Aufteilung der Baukosten, eine höhere Auslastung und einen wirtschaftlicheren Betrieb bedeutet, schreibt der Bund der Steuerzahler in seinem aktuellen Schwarzbuch. Doch die Idee sei nie ernsthaft in Erwägung gezogen worden. Sollte in Frankfurt der Umbau ursprünglich nur 4,5 Millionen Euro kosten, musste die Stadt Frankfurt inzwischen über 17,5 Millionen, insgesamt sollen rund 30 Millionen Euro an Steuergeldern fließen. Offenbach konnte dem natürlich nicht nachstehen. Jetzt soll auf dem Bieberer Berg mit massiver Unterstützung des Landes für insgesamt 25 Millionen Euro ein Neubau entstehen. "Ein weiteres unrühmliches Beispiel dafür, wie der Profisport mit Steuergeldern subventioniert wird."

 

Auch Amateurvereine profitieren

Selbst in Amateurligen ist der Steuerzahler Sponsor von Fußballvereinen. In Magdeburg spielt der 1.FCM, ein Traditionsverein in Blau-Weiß. 1974 gewann der Club den Europapokal gegen Mailand. Heute kickt er in der 4. Liga - allerdings in einem neuen Stadion für über 30 Millionen Euro, finanziert von der Stadt. Denn die private Betreibergesellschaft ist gescheitert, nun muss Magdeburg für fällige Kredite an die HSH Nordbank gerade stehen. In den nächsten Jahren kommen so rund 15 Millionen Euro auf den Steuerzahler zu. Die andere Hälfte der Bausumme hatte die Hauptstadt des klammen Landes Sachsen-Anhalt ohnehin übernommen. Dazu überweisen die Stadtväter bisher Betriebskostenzuschüsse von rund 360.000 Euro im Jahr, in 2009 waren es laut nicht öffentlicher Stadtratsprotokolle sogar 438.000 Euro.

 

Schon in der Planung hatte der Landesrechungshof den Stadionbau heftig kritisiert. In internen Prüfberichten, die Frontal21 vorliegen, wird der Stadionbau als rechtswidrig bezeichnet. Die Stadt solle ihren Haushalt konsolidieren, sparen und unnötige Ausgaben vermeiden. Nach Auffassung der Prüfer sind "die mit dem Bau des Stadions zusammenhängenden Ausgaben der Landeshauptstadt Magdeburg nicht mit dem kommunalen Haushaltsrecht vereinbar und deshalb nicht zulässig". Der Stadionbau sei keine explizite öffentliche Aufgabe.

 

Steuergelder für Traditionsclubs

Der Oberbürgermeister von Magdeburg, Lutz Trümper von der SPD, sieht das anders. Die Stadt könne sich das Stadion leisten. Im Frontal21-Interview gesteht Trümper ein, dass die Arena nur wirtschaftlich betrieben werden könne, wenn der Magdeburger Fußballclub in die 2. Bundesliga aufsteigt. Zurzeit sieht es nicht danach aus, der Club hat neun Punkte Rückstand auf den Tabellenführer. Und so ist es auch kein Wunder, dass mit Tickets, Werbung und Namenrechten am Stadion zu wenig Geld in die Kassen kommt. Die Stadt hat deshalb einen variablen Pachtvertrag mit der Betreibergesellschaft geschlossen. Nicht mal 23.000 Euro nimmt die Stadt in diesem Jahr ein - bei einer Investition von mehr als 30 Millionen Euro.

 

In anderen ostdeutschen Städten mit Traditionsclubs sieht es ähnlich aus. Beispiel Dynamo Dresden: Mit 40 Millionen Euro bürgt das Dresdener Rathaus für den Großteil der Baukosten des neuen Stadions, 4,6 Millionen Euro spendierte die Stadt für den Neubau. Außerdem zahlt die Stadt an Dynamo - je nach Liga - einen Zuschuss. Für die 3. Liga beträgt dieser 2,16 Millionen Euro. Dynamo Dresden allerdings steht auf einem Abstiegsplatz.

 

Große Träume

Auch in Erfurt und Halle sollen Millionen Steuergelder in neue Fußballarenen gesteckt werden. Dabei müssten die Fans von Chemie Halle nur 20 Minuten S-Bahn fahren, um ihrer Mannschaft in einer für über 100 Millionen Euro sanierten Weltmeisterschaftsarena zuzujubeln. In Leipzig steht das Zentral-Stadion mit 45.000 überdachten Plätzen ziemlich oft leer. Denn der bisherige Mieter FC Sachsen Leipzig - auch ein ostdeutscher Traditionsclub - hat Insolvenz angemeldet. Auch in Leipzig hatte man große Träume.