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30. Juli 2010
 

Frontal21

 
dienstags, 21.00 Uhr

Gutachter-Pfusch bei Gasautos

[Video]

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Ungeprüft und Gefährlich

Gutachter-Pfusch bei Gasautos

von Andreas Halbach und Oliver Lauter

Bei der Nachrüstung von Autos auf Gasantrieb gibt es in Deutschland offenbar erhebliche Sicherheitslücken. Die meisten der mehr als 300.000 umgerüsteten Fahrzeuge in Deutschland seien nicht einem Abgastest im Gasbetrieb unterzogen worden, kritisieren Spitzenverbände der Autogas-Branche und Sachverständige. Sie werfen den Prüforganisationen TÜV und Dekra vor, sich mit Scheingutachten ein Millionengeschäft zu sichern.

 
 
 
 

VideoRecherchen von Frontal21 zeigen, wie die großen Prüforganisationen bei der Zulassung von Autogasanlagen vorgehen. So stellen TÜV und Dekra sogenannte "Einzel-Gutachten hinsichtlich der Abgasemission" für Autos mit nachgerüsteten Gasanlagen aus, ohne jedoch den tatsächlichen Schadstoffausstoß des Fahrzeugs jemals gemessen zu haben. TÜV und Dekra nutzen offenbar eine gesetzliche Grauzone.

 
TÜV-Gutachten. Quelle: ZDF
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Gutachten von "Referenzfahrzeugen" für rund 380 Euro

So ist es in "Ausnahmefällen" möglich, dass die Abgasuntersuchungen lediglich an einzelnen "Referenzfahrzeugen" durchgeführt werden. Die Testergebnisse werden dann massenweise auf Autos ähnlicher Bauart übertragen, ohne dass eine tatsächliche Überprüfung dieser Fahrzeuge erfolgt.

Autogas Abgastest. Quelle: ZDF
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Abgastest nur auf dem Papier

Erschreckende Testergebnisse

Frontal21 macht eine Stichprobe, lässt zwei Kleinwagen auf Gas-Antrieb umrüsten, will dann testen, ob die Abgaswerte tatsächlich in Ordnung sind. Für beide Autos erhalten wir schon von den Umbaubetrieben die Gutachten von TÜV und Dekra, Kosten jeweils rund 380 Euro. Darin wird uns bestätigt, dass beide Fahrzeuge die gesetzlichen Abgaswerte einhalten - zumindest auf dem Papier.

Frontal21 lässt jedoch die tatsächlichen Abgaswerte messen. Das Ergebnis ist erschreckend: Alle Schadstoff-Grenzwerte werden um ein Vielfaches überschritten. Der Prüf-Ingenieur bestätigt: Die Abgaswerte im Gutachten stammen von irgendeinem "Referenzfahrzeug", das sei gängige Praxis. Auch der Autogas-Sachverständige Wolfgang Kruse kennt das. Selbst "dubiose Firmen" würden über Gutachten von TÜV oder Dekra verfügen, die dann den Kunden als fahrzeuggebundene Gutachten verkauft würden.

Autogas Ziegler. Quelle: ZDF
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Ziegler fordert Schluß mit Scheingutachten.

"Wertlose Scheingutachten"

Frontal21 fährt mit einen Testwagen zur routinemäßigen TÜV-Abnahme, zeigt dort das Referenzgutachten. Der Prüfer schaut sich nur kurz die Gasanlage an - und läßt es gut sein. Die Abgaswerte interessieren nicht, weil man "nicht jedes einzelne Fahrzeug messen könne", meint er.

Kritiker wie der "Bundesverband Freie Gastankstellen e.V. " oder der "Verband der Autogas-Anlagen Einbaubetriebe" sehen sich und ihre Kunden von den technischen Diensten getäuscht, sprechen von "wertlosen Scheingutachten". Peter Ziegler vom Bundesverband Freie Gastankstellen e.V. fordert ein Ende dieser Praxis: "Man muss sich einmal vorstellen, dass ja in Deutschland circa 300.000 Autos mit Abgasgutachten versehen worden sind, wobei diese Fahrzeuge nie auf ihren tatsächlichen Abgaswert überprüft wurden."

 

TÜV und Dekra: "Kein Änderungsbedarf"

So würden auch viele Sicherheitsmängel an nachgerüsteten Autogas-Fahrzeugen gar nicht entdeckt. Die Kraftfahrzeug Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger "KÜS" beklagte kürzlich in einer Pressemitteilung: "Bei den nachgerüsteten Gasanlagen in Fahrzeugen ist noch lange nicht der Standard erreicht, den die Verkehrssicherheit verlangt."

 

Gegen die Geschäfte mit den vermeintlichen Abgas-Gutachten hat der Verband der Einbaubetriebe für Gasanlagen beim Petitionsausschuss des Bundestages Alarm geschlagen. Doch die Prüforganisationen TÜV und Dekra weisen die Kritik zurück. Das Prinzip der Referenzgutachten sei gesetzeskonform, es gebe "keinen Änderungsbedarf". Dies habe im September dieses Jahres auch der "Bund-Länder-Fachausschuss technisches Kraftfahrwesen" bestätigt.

Millionengeschäft dank Gesetzeslücke

Doch nach Recherchen von Frontal 21 wird der Referenztest sehr großzügig gehandhabt, gilt gleich für viele unterschiedliche Modelle- und das nicht nur in den gesetzlich erlaubten "Ausnahmefällen". So wurde das TÜV-Gutachten für einen Ford mit einem kleinen 1,6-Liter-Motor mit derselben Prüf-Nummer versehen, wie das Gutachten für einen doppelt so großen 3-Liter-Ford mit einem Sechszylinder.

 

Ein weiteres TÜV-Abgasgutachten wurde gleich mehrfach vergeben. Einmal für einen Rover und dann wiederum mit derselben Registriernummer für einen Daimler- Chrysler, dabei sind beide Motoren ganz unterschiedlich. Frontal21 hat die Prüforganisationen um Stellungnahme gebeten - keine Antwort zu diesen Vorwürfen.

 

TÜV und Dekra verdienten bisher Millionen mit den Schreibtisch-Gutachten. Und solange die zuständigen Verkehrminister der Länder keinen Handlungsbedarf sehen, geht das Geschäft ungestört weiter - auf Kosten der Autofahrer und zu Lasten von Sicherheit und Umwelt.

 
 
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