Es gibt sie in fast jedem Supermarkt: Spezielle Lebensmittel für Diabetiker. Obwohl manche doppelt so teuer sind wie herkömmliche Produkte, werden sie von Zuckerkranken häufig gekauft. Dabei warnen Experten seit Jahren vor diesen Produkten: Bei regelmäßigem Verzehr könne sich die Erkrankung verschlechtern oder gar erst entstehen.
Dieter Grzybowski ist seit knapp 20 Jahren Diabetiker. Er hat seine Krankheit gut im Griff, kann ein fast normales Leben führen: Er ernährt sich genauso wie ein gesunder Mensch, treibt zusätzlich Sport. Mittlerweile braucht Grzybowski kaum noch Insulin spritzen. Doch das war nicht immer so.
Als Grzybowski damals von seiner Krankheit erfährt, verschreibt der Arzt ihm Medikamente und rät ihm, außerdem seine Ernährung umzustellen: Grzybowski besucht spezielle Schulungen. Hier emfiehlt ihm eine Diätberaterin, er solle künftig besser die normalen Produkte weg lassen, da sie zu viel Zucker enthielten, und stattdessen "für Diabetiker geeignete Sachen" nehmen.

Von nun an achtet Grzybowski peinlich genau darauf, Zucker zu vermeiden, und kauft hauptsächlich Diabetiker-Lebensmittel. Doch Grzybowski legt an Gewicht deutlich zu. "Ich habe so um die 16,17 Kilo zugenommen", erinnert er sich. Und besser fühlt er sich auch nicht, im Gegenteil: Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich zusehends. Bald reichen die Tabletten nicht mehr aus, Grzybowski muss Insulin spritzen und davon jedes Jahr mehr.

Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: In vielen so genannten diätetischen Lebensmitteln, kurz Diät-Lebensmitteln, ist der Zucker durch Fruktose ersetzt. Fruktose aber führt dazu, dass der Patient an Gewicht zunimmt und dass die Leber verfettet, warnt Wolfgang Kohn, Direktor der Berliner Diabetes-Spezialklinik. Über die Gewichtszunahme stelle sich eine Verschlechterung des Blutzuckerstoffwechsels ein. Das könne dazu führen, dass der Diabetes sich verschlechtert oder gar erst auftritt. Kohn rät deshalb: "Man sollte sehr genau abwägen, ob man diese Produkte weiterhin verwendet."
Trotz derartiger Bedenken werden Diabetiker-Lebensmittel in beinahe jedem Supermarkt angeboten. Sie haben sich mittlerweile zu wahren Verkaufsschlagern entwickelt. So ernährt sich nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung rund die Hälfte aller Zuckerkranken regelmäßig von Diät-Produkten - für die Lebensmittelindustrie ein lukratives Geschäft.

Einige dieser Lebensmittel sind fast doppelt so teuer wie herkömmliche Produkte. Darauf weist die Hamburger Verbraucherschützerin Silke Schwartau hin: "Sie sind 30 bis 100 Prozent teurer, ohne dass die Inhaltsstoffe das rechtfertigen würden." Schwartau kritisiert: "Damit werden die Verbraucher über den Tisch gezogen."
Auf Nachfrage von Frontal21 berufen sich die Hersteller auf den Paragrafen 12 der Diätverordnung. Die schreibe die Verwendung von Fruktose in diabetischen Lebensmitteln geradezu vor, heißt es beim Diätverband. Und dies, obwohl die Bundesregierung die Gefahr durch Fruktose schon seit zehn Jahren kenne, betont das Bundesinstitut für Risikobewertung. Die langfristigen Nachteile, die man der Fruktose nachsage, sei ein massiver Grund, solche Produkte vom Markt zu nehmen, so Rolf Großklaus vom Bundesinstitut.
Das zuständige Bundesministerium für Ernährung arbeite derzeit an einer Anpassung der Diätverordnung, heißt es dazu auf Nachfrage von Frontal21. Verbraucherschützern geht das nicht weit genug. Sie fordern, den Paragraf 12 der Diätverordnung ersatzlos zu streichen und die Produktion von Diabetiker-Lebensmitteln einzustellen. "Die sind schlichtweg überflüssig", so Silke Schwartau. Und das weiß inzwischen auch Dieter Grzybowski. Er kauft schon lange keine Diätprodukte mehr.