Seit 60 Jahren wird per Kernspaltung Strom erzeugt, und genauso lange ist die Frage ungeklärt, was mit dem dabei anfallenden, hoch radioaktivem Abfall geschehen soll. Weltweit existiert auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch kein Endlager für abgebrannte Brennstäbe. Schweden und Finnland scheinen momentan der Lösung dieses Problems am nächsten gekommen zu sein.

In unmittelbarer Nähe der gigantischen Baustelle für das größte Atomkraftwerk der Welt im finnischen Olkiluoto sind Maulwürfe der besonderen Art am Werk: Riesige Bagger - mit kräftiger Unterstützung von Sprengstoff - bohren sich tief in das Granitgestein. 500 Meter tief sollen sie graben, um das erste Endlager für stark strahlenden Atommüll zu schaffen. Ab 2020 soll es betriebsbereit sein und mindestens 5500 Tonnen radioaktiven Abfall aufnehmen.
Zwar existieren bereits zahlreiche Zwischenlager und Deponien für schwach strahlende Reste, doch die abgebrannten, hoch radioaktiven Brennelemente stellen eine besondere Herausforderung dar. Für die nächsten 100.000 bis eine Million Jahre müssen sie für die Umwelt unschädlich gelagert werden, denn die radioaktiven Bestandteile des Mülls haben zum Teil eine extrem lange Halbwertszeit.
Die Halbwertszeit bezeichnet die Zeit, die vergeht bis die Hälfte der Atome eines Nuklids (einer Atomart) zerfallen ist, d. h. sich in andere Atome umgewandelt hat.
Die Halbwertszeiten einiger im Atommüll vorkommenden Elemente betragen:
Uran-238 - 4,5 Mrd. Jahre
Jod-123 - 17 Mio. Jahre
Plutonium-239 - 24.000 Jahre
Caesium-137 - 30 Jahre
Strontium-90 - 29 Jahre
Krypton-85 - 11 Jahre
Demnach sind von einem Kilogramm Krypton nach elf Jahren 500 Gramm zerfallen, bei einem Kilogramm Plutonium ist dies jedoch erst nach 24.000 Jahren der Fall, und bis dieses radioaktive Element vollständig unschädlich ist, dauert es etwa zwei Millionen Jahre.
Das Kriterium "für die Umwelt unschädliche Lagerung" bezieht sich auf die außergewöhnliche Giftigkeit einiger Müllbestandteile. So reichen einige Millionstel Gramm Plutonium, um einen Menschen zu vergiften oder bei ihm Krebs auszulösen. Das Problem der Endlagerung besteht also in erster Linie in der Lösung der Frage, wie diese extrem schädlichen Stoffe gelagert werden können, ohne die nächsten 40.000 Generationen zu gefährden - also etwa so viele Generationen, wie seit der Besiedlung Europas auf diesem Kontinent gelebt haben.
Entscheidend für eine derart hochwertige Endlagerung sind einerseits die bruchsichere Unterbringung der Müll-Container und andererseits die Garantie, dass die radioaktiven Stoffe niemals mit Grundwasser in Verbindung kommen werden. Sowohl die finnischen als auch die schwedischen Planer haben sich daher für ein Depot in 400 bis 500 Metern Tiefe entschieden, in Höhlen, die aus dem härtesten Granit gesprengt werden. Zusätzlich sollen die strahlenden Reste in 25 Tonnen schweren Kupfer-Kanistern mit einem Kern aus Gusseisen geschützt werden.

Diese Kanister müssen aber noch vor Wasser geschützt werden, da der Granitfelsen zwar hart, aber nicht wasserdicht ist. Schwedische Forscher experimentieren mit Bentonit, einer wasserspeichernden Tonerde. Der Stoff, Hauptbestandteil auch von Katzenstreu, nimmt Wasser auf und dabei auch an Volumen zu. Dieses Verhalten nährt die Hoffnung, dass Bentonit auch noch wasserführende Kanäle abdichten und als Federung für die Atommüll-Behälter dienen könnte.
Offensichtlich gibt es zurzeit keine Alternative zur Tiefenlagerung strahlender Abfälle. Kritiker der Atomenergie verweisen allerdings darauf, dass momentan geologisch stabile Gebiete in einigen Jahrtausenden durchaus brüchig werden können, da die Erde sich ständig verändert. So wachsen die Alpen momentan immer noch pro Jahr um etwa einen Millimeter in die Höhe. Wenn man das mit 100.000 Jahren multipliziert, kann man sich das entsprechende Szenario ausmalen.
Weil jedoch bereits heute tausende Tonnen hoch radioaktiver Brennelemente zu entsorgen sind, sehen auch sie die Notwendigkeit einer sinnvollen Endlagerung. Gleichzeitig fordern sie aber den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie, um - neben den anderen Schwierigkeiten - nicht auch das Endlagerproblem ins Unermessliche ansteigen zu lassen.

Die Kritiker befürworten eine sinnvolle Endlagerung der bereits angefallenen Abfallmengen. Unter diese Rubrik fällt ihrer Ansicht nach keinesfalls die in Deutschland geplante Deponie in Gorleben. Seit den ersten Untersuchungen zu Beginn der 1980er Jahre stehe nach Aussage von Wissenschaftlern fest, dass der Salzstock, der die Castor-Behälter aufnehmen soll, als Endlager ungeeignet sei: Die Salzschicht sein nur unzureichend mit einer wasserabdichtenden Tonschicht bedeckt.
Was dies zur Konsequenz haben könnte, zeigt sich seit 1988 im "Versuchs-Endlager" Asse II bei Wolfenbüttel: In die ehemaligen Kaligrube, in die von 1967 bis 1978 über 126.000 Fässer mit schwacher und mittelstarker Radioaktivität gelagert worden sind, dringt Wasser ein. Die Betreibergesellschaft muss zugeben, dass pro Tag elf Kubikmeter Lauge in die Deponie eindringen - mit welchen Konsequenzen für die Umwelt vermag noch niemand einzuschätzen. Die Frage lautet, ob oder wann Radioaktivität im Grundwasser nachgewiesen werden kann.