Über drei Millionen DDR-Bürger flohen während der deutschen Teilung in den Westen. Doch rund 500.000 von ihnen kehrten hinter Mauer und Stacheldraht zurück - aus Heimweh oder weil der SED-Staat sie und ihre Familien erpresste.
Edith Hortig bittet 1986 nach einer gescheiterten Ehe in Westdeutschland am Grenzübergang Friedrichstraße um Wiederaufnahme in die DDR. Die ostdeutschen Behörden hatten ihr zuvor versichert, dass sie problemlos in ihr altes Leben zurückkehren könne. Doch stattdessen setzt man sie drei Monate im "Zentralen Aufnahmeheim" (ZAH) in Röntgental fest, interniert sie in einem Lager, dessen Existenz ihr wie auch den DDR-Bürgern völlig unbekannt war.

Das war so üblich: Die DDR redete gegenüber den Rückkehrwilligen von Straffreiheit, um sie dann doch zu drangsalieren - ein Täuschungsmanöver. "Die Menschen dachten, sie könnten nach Hause fahren", sagt Dr. Helge Heidemeyer, Leiter der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen. "Sie kamen aber in das Aufnahmeheim, das eher einem Gefängnis glich, und dort wurden sie unendlichen Aufnahmeprozeduren ausgesetzt."
Alwin Ziel verlässt Ende der 80er Jahre die DDR, will seine Frau und seine beiden Söhne in den Westen nachholen, aber alle Versuche scheitern. Als die DDR-Polizei seine Frau in ein Gefängnis verschleppt und droht, die Kinder in ein Heim zu bringen, hält Ziel den Druck nicht mehr aus. Im Sommer 1988 meldet er sich an der DDR-Grenze zurück. Grenzsoldaten nehmen ihn mit vorgehaltener Maschinenpistole fest und bringen ihn nach Röntgental. Dort muss er die erste Nacht in Isolationshaft im so genannten "Quarantänegebäude" verbringen. Es folgen tagelange Verhöre. "Die ganze Mühle, die da existierte, die war so aufgebaut, dass sie klein gemacht werden sollten", berichtet Alwin Ziel. "Sie sollten ihr Selbstbewusstsein verlieren, sie sollten auch vorbereitet werden auf das Leben in der DDR."

Die Staatssicherheit verbreitet unter den Rückkehrern Angst und Misstrauen. Im Heim platziert sie Spitzel, die sich als Rückkehrer oder Übersiedler ausgeben und Berichte verfassen. Die Lagerinsassen werden gefügig gemacht. Sie sollen sich bereit erklären, ausreisewillige DDR-Bürger von den Vorzügen des Lebens in der DDR zu überzeugen. Sogar in Propagandafilmen müssen sie auftreten und den Westen in den schwärzesten Farben malen.
Die Rückkehrer werden systematisch gebrochen. Alwin Ziel wird Zeuge, wie ein Mann sich in Röntgental aus dem Fenster stürzt, als ihm klar wird, dass die DDR-Behörden nicht daran denken, seinen Sohn weiter studieren zu lassen. Mit diesem Versprechen hatte ihn die Staatssicherheit in die DDR zurückgelockt. "Ich bin der Meinung, diesen Mann hat dieses System dort in Röntgental auf dem Gewissen", sagt Alwin Ziel heute.

Auch Edith Hortig ist nach drei Monaten im Aufnahmeheim verzweifelt. "Man wurde so mürbe gemacht, so fertig, dass man eigentlich keinen Lebensmut mehr hatte", berichtet sie: "Man glaubte, man bleibt hier ewig drin." Sie schneidet sich mit einer Rasierklinge die Pulsadern auf, wird aber rechtzeitig gefunden. Erst nachdem sie den Behörden schriftlich bestätigt hat, dass ihr Selbstmordversuch ausschließlich "persönliche Gründe" gehabt habe, darf sie das Heim verlassen.

Forscher Helge Heidemeyer beurteilt das Verhalten der DDR gegenüber den Rückkehrern als "große Schizophrenie": Einerseits bemühte man sich um die Flüchtlinge, unternahm aufwändige Rückwerbeversuche: "Wenn die Menschen aber erstmal den Fuß auf DDR-Territorium gesetzt haben, werden sie behandelt wie Verbrecher."
Auch nach der Entlassung aus dem Heim wurden die Rückkehrer weiter von der Staatssicherheit überwacht. Und die DDR-Bürger begegneten denen, die hinter den Eisernen Vorhang zurückkehren, oft mit Unverständnis und Misstrauen. "Rückkehrer wie ich", sagt Alwin Ziel, "sind eigentlich nie mehr in der DDR angekommen. Wir sind Fremde geblieben."
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