Frontal21 liegen Dokumente vor, die die Duldung, gar Zustimmung führender Köpfe der militärischen Widerstandsgruppe um Graf von Stauffenberg zu Verbrechen belegen. Besonders Henning von Tresckow, nach dem heute die Kaserne des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr benannt ist, wird in den Dokumenten belastet.
Politik und Bundeswehr gedenken alljährlich feierlich der Wehrmachtsoffiziere, die am 20. Juli 1944 Hitler töten wollten. Um die Stellung der Bundeswehr als Parlamentsarmee hervorzuheben, wird dieses Jahr das "Öffentliche Gelöbnis" vor dem Bundestag abgehalten. Zuvor fand das Gelöbnis neun Jahre lang im Bendler-Block statt, dem ehemaligen Oberkommando der Wehrmacht und zugleich der Ort, an dem Oberst von Stauffenberg und drei Mitverschwörer das fehlgeschlagene Attentat auf Hitler mit dem Leben bezahlen mussten. Sie wurden noch in der gleichen Nacht im Hof erschossen.

Dem Widerstand in der Wehrmacht gerecht zu werden, fällt den Nachkriegsdeutschen bis heute schwer. Unmittelbar nach 1945 galten die Männer des 20. Juli vielen als Verräter. Wenig später wurden die Offiziere idealisiert, dienen der Bundeswehr bis heute als leuchtendes Vorbild. Lange wurde ausgeblendet, dass sie Hitler folgten, solange der Erfolg hatte. Doch ein realistisches Bild muss die tragischen Verstrickungen einiger Widerständler in das NS-Regime mit einbeziehen. So belegen Dokumente, die Frontal 21 vorliegen, dass führende Köpfe Nazi-Verbrechen duldeten, sich gar an ihnen beteiligten.
Zum Beispiel Henning von Tresckow. Er gilt als Urheber der "Operation Walküre". Der als klug und gewinnend beschriebene Offizier und Stabschef der 2. deutschen Armee der Heeresgruppe Mitte erfährt bereits zu Beginn des Russlandfeldzugs vom Morden in Weißrussland. Die Bilanz dort am Kriegsende: Über zwei Millionen Tote, davon mindestens 500.000 Juden. Daneben 400.000 zur Zwangsarbeit verschleppte Zivilisten - viele von ihnen Frauen und Kinder. Am 19. Juli 1941 meldet der ebenfalls zum Kreis der Verschwörer gehörende Arthur Nebe, Chef der Einsatzgruppe B der Heeresgruppe Mitte: "In Minsk gibt es keine jüdische Intelligenz mehr." Von Tresckow nimmt diesen Bericht zur Kenntnis, zeichnet ihn ab.
Am 25. August 1941 wird gemeldet "...dass die von der Sicherheitspolizei geübte Praxis der Liquidierungen zweifellos eine humane Durchführungsart sei". Von Tresckow zeichnet wieder ab, ebenso den Vermerk der Einsatzgruppe B vom 29. Dezember 1942 über die "Gesamtzahl der Sonderbehandelten", das heißt der ermordeten Zivilisten: 134.190 Tausend.

Im Sommer 1942 wird von Tresckow auf Befehl Hitlers verantwortlich für die Partisanenbekämpfung im Bereich der Heeresgruppe Mitte. Dabei unterstützt und verantwortet er die Politik der "verbrannten Dörfer". Wehrmacht und SS brennen mehr als 5000 Dörfer nieder, erschießen oder vertreiben die Bewohner. Noch wenige Wochen vor dem Attentat auf Hitler befiehlt von Tresckow, die arbeitsfähige Zivilbevölkerung zur Zwangsarbeit ins Reich zu schicken. "Kinder gelten vom zehnten Lebensjahr an als arbeitsfähig", Unterschrift: "von Tresckow".
Eine Woche vor seinem plötzlichen Tod führte Frontal21 ein Gespräch mit Philipp Freiherr von Boeselager, dem letzten Überlebenden der Verschwörer, der bereit war, sein Leben für den Widerstand zu opfern. Er und sein Bruder Georg, ebenfalls zum Kreis des 20. Juli gehörend, führten das traditionsreiche Kavallerieregiment Mitte. Gemeinsam verfassten sie ein Dokument, das Frontal 21 vorliegt. Es ist eine an von Tresckow gerichtete Empfehlung zur Verbesserung des Partisanenkampfes. "Alle in diesem Gebiet einzeln oder in kleinen Trupps herumgehenden Männer müssen sofort erschossen oder gefangen genommen werden", heißt es da. Von Tresckow befürwortet den Vorschlag, gibt ihn am 17. Juli 1943 an die SS und an viele andere Truppenteile weiter.
Wir zeigen Philipp von Boeselager das Papier, erhoffen uns Erklärungen für das, was Dokumente nicht beschreiben können. Philipp Freiherr von Boeselager: "Was sollte man machen? Man konnte gar nichts machen." Dabei hatten er, sein Bruder und von Tresckow diese Verschärfung des Partisanenkrieges allein unter sich ausgemacht, zu einem Zeitpunkt, als sie sich bereits zum Attentat auf Hitler verschworen hatten.
Warum schlug das Gewissen so spät? "Man hat lange Zeit eben gehofft, nach dem Krieg, da werden wir mit denen abrechnen. Erst wollen wir den Krieg gewinnen, es gibt auch eine Aussage von meinem Bruder in dem Sinne: Erst wollen wir den Krieg gewinnen, dann bringen wir die Kerle um", so von Boeselager gegenüber Frontal 21.