Bei der das Grundgesetz brechenden Praxis der Zwangsheiraten werden hierzulande eher Frauen als Opfer gesehen. Wie sehr das vermeintlich starke Geschlecht auch davon betroffen ist, wird dagegen in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Die Zahl der Betroffenen geht nach Schätzungen von Experten in die Tausende.
Sedat Özdemir ist in Deutschland geboren. Hier hat er sein Abitur gemacht. Hier studiert er Englisch und Geschichte. Hier lernte er seine deutsche Freundin kennen. Er will Nina heiraten. Das will seine Familie unbedingt verhindern. Sedat wird vor allem von seinem Onkel bedroht - dem Oberhaupt der Familie: "Er hat gesagt, ich werde Euch nicht heiraten lassen. Ihr werdet nicht soweit kommen. Wenn Ihr das macht, wird Schlimmes passieren!"
Auch Ahmed hat Angst vor seiner eigenen Familie. Der 19-Jährige ist untergetaucht, vor seinem Vater geflüchtet. Denn er weigert sich, die für ihn bestimmte Frau, eine Cousine, zu heiraten. Dadurch hat er die Familie entehrt. Seine Geschwister waren folgsamer: "Mein Bruder zuerst. Der musste heiraten. Der hat sich nicht gewehrt. Da mein Vater der Meinung war, dass die Frauen in Deutschland alle nur schlechte Frauen sind, hat er eine aus der Osttürkei geholt, meine eigene Cousine. Und den Cousin hat er auch noch geholt für meine Schwester."

Die Soziologin Necla Kelek konstatiert ein "gesellschaftliches System", dem sich muslimische Großfamilien vielfach unterwerfen - obwohl sie in einem anderen gesellschaftlichen System, in Deutschland, leben. "Das sind ja keine Ausnahmen, sondern es ist die Regel, dass ich meine Kinder verheiraten muss." Diese Familien fühlen sich nicht den deutschen Gesetzen verpflichtet, sondern der Kultur und Tradition der Heimat.

Fatma Bläser engagiert sich mit dem von ihr gegründeten Verein Hennamond seit Jahren gegen Zwangsheirat und fordert, dass diese ausdrücklich unter Strafe gestellt wird. Denn der Verweis auf Grundrechte allein reicht nicht aus. "Das Grundgesetz bedeutet für sie gar nichts", so Fatma Bläser. Die Familien würden vielmehr ihren eigenen Regeln leben, sagt sie weiter.
Ahmeds Eltern sind aus der bitterarmen Osttürkei nach Deutschland ausgewandert. Die Verbindung zu den Verwandten ist aber nach wie vor sehr eng, die Hochzeiten bleiben in der Familie. Auch die Braut für Ahmed wartet im anatolischen Heimatdorf. Sie ist eine Cousine und minderjährig. Doch nach deutschem und auch nach türkischem Recht muss die Braut volljährig sein. So werden die Daten vielfach gefälscht. Das ist leicht, denn in den Dörfern gibt es keine Geburtsregister, Ausweise sind kaum verbreitet. Die notwendigen Papiere werden oft erst beantragt, wenn eine Hochzeit ansteht.
Für den Antrag beim Gericht reichen meist die Angaben der Eltern und ein ärztliches Attest. Die Braut bekommt der Richter dabei nicht zu sehen. So können die Eltern ihre Kinder, ohne sie zu fragen, in Ehen zwingen. Dass das auch für die Söhne gilt, ist bislang ein Tabu.
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