Der Pharmakologe Professor Peter Schönhöfer hat die Verschwendung von mehreren Milliarden Euro durch die Verordnung teurer oder unwirksamer Medikamente kritisiert. Allein eine Milliarde könnten die Krankenkassen dadurch sparen, dass Ärzte mehr preiswerte Generika verordneten, sagte er dem ZDF-Magazin Frontal21.
Das tun sie aber nach Ansicht von Experten häufig nicht - im Gegenteil. Weil viele Pharmahersteller die Ärzte mit aufwendigem Marketing und gezielter Information beeinflussen, landen stattdessen die teureren Medikamente auf den Rezeptblöcken. Die Gewinne der Pharmaindustrie steigen - auf Kosten der Versicherten.
Die Ausgaben für Arzneimittel könnten um weitere 1,3 Milliarden Euro gesenkt werden, indem man auf so genannte Scheininnovationen - neue, teurere Medikamente mit leicht abgewandelten, alten Wirkstoffen - verzichte und stattdessen erprobte Medikamente verordne, erklärt Schönhöfer. Noch eine Milliarde sei einzusparen, wenn Ärzte keine nutzlosen Arzneimittel mehr verschreiben würden. "Das heißt, es wären 3,3 Milliarden einsparbar." Dies seien ungefähr 15 Prozent der Ausgaben für Arzneimittel von 21,7 Milliarden Euro im Jahr 2004 - fürs vergangene Jahr bei auf rund 25,4 Milliarden Euro deutlich gestiegenen Ausgaben immerhin noch 13 Prozent Einsparungen. "Und dieses würde dann für die Versicherten Entlastung bedeuten."
Doch von solchen Einsparungen sind Ärzte und Kassen bislang weit entfernt. Im Gegenteil: Die Ausgaben für Medikamente sind nach Angaben der AOK allein im ersten Quartal 2006 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 563 Millionen Euro gestiegen. Zwar soll das seit Anfang Mai geltende Arzneimittelspargesetz die Kassen entlasten - unter anderem, indem Herstellerpreise für Arzneimittel eingefroren und Preisobergrenzen für Medikamente gesenkt werden. Um die Kostensteigerung jedoch deutlich zu bremsen, sind Schönhöfer zufolge weitere Einschnitte notwendig.
Ein zentrales Problem sieht der Bremer Pharmakologe in der Entwicklung der Preise. "Die Preissteigerungen auf dem Arzneimittelgebiet sind die stärksten Preissteigerungen im Gesundheitssystem", sagt Schönhöfer. "Sie bestimmen, wie teuer das Gesundheitswesen wird."
Auch Generika - also vermeintlich günstige Kopien bereits vorhandener Medikamente - seien in Deutschland besonders teuer, erklärt Schönhöfer. In England koste beispielsweise die Behandlung mit Lipidsenkern, also Arzneimitteln zum Senken der Blutfettwerte, über einen Monat durchschnittlich 3 Euro, in Schweden 5 Euro und in Deutschland 22 Euro.
"In Deutschland ist der Hersteller frei, den Preis zu verlangen, den er sich vorstellt", sagt Schönhöfer. "Deshalb sind bei uns Arzneimittel wesentlich teurer als in Vergleichsländern - ohne dass dadurch eine verbesserte Versorgung eintritt." Denn in den Vergleichsländern bestimme der Staat die Preise.
Zudem müsste die Verordnung unwirksamer Medikamente bekämpft werden, fordert Schönhöfer. "Es ist nicht selten, dass Medikamente verordnet werden, für die ein Nutzen nicht nachgewiesen ist", sagt er. "Die Tatsache, dass das geschieht, spricht für effektives Marketing: Hier wird mit dem Einsatz von Experten, von Meinungsbildnern, die das Mittel anderen Ärzten anpreisen, ein Markt geschaffen."
Viele Ärzte, die sich nicht anderweitig und umfassend informieren, verordnen solche Medikamente dann offenbar auch. "Das heißt, der Versicherte zahlt für etwas, was ihm nichts nützt."
Die Beeinflussung von Ärzten durch die Pharmaindustrie benennt auch der Sprecher des AOK-Bundesverbandes, Udo Barske als Problem, weil Ärzte dadurch häufig zu teureren Medikamenten wechseln. Viele Ärzte gingen davon aus, "dass es eine Verbesserung für den Patienten bringt, weil sie entsprechend von Pharmavertretern informiert worden sind", sagt Barske.
Mediziner sind dieser Art von Werbung massiv und kontinuierlich ausgesetzt. "Das haben die Ärzte schon in der Ausbildungszeit erfahren - viele Angebote der Pharmaindustrie - das ist eine bekannte Praxis." Hinzu komme sehr viel Werbung der Hersteller in Fachzeitschriften. "Und all das führt natürlich dazu, dass die Informationen und das Marketing der Pharmaindustrie einen großen Einfluss haben."
Eine Positivliste - wie sie seit Jahren gefordert wird, aber bislang nicht durchgesetzt werden konnte - wäre nach Ansicht von Schönhöfer das richtige Mittel, um unwirksame Medikamente zu bekämpfen. "Das heißt, dass Arzneimittel, von denen wir wissen, dass sie nicht hinreichend wirksam sind, nicht verordnet werden können", betont er. "Andere Länder in Europa haben Positivlisten, und solche Mittel werden nicht mehr von den Krankenversorgern bezahlt."