Für Heinz-Dieter Jopp, ehemaliger Leiter des Fachbereichs Sicherheitspolitik und Strategie der Führungsakademie der Bundeswehr, ist der Afghanistan-Einsatz gescheitert. Nach seiner Auffassung sei die Strategie für Afghanistan, dort demokratische Verhältnisse herzustellen, von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen.

Nach Jopps Einschätzung wurde Afghanistan weder demokratisiert noch entmilitarisiert, außerdem habe es keinen Ansatz gegeben, den Drogenanbau zu bekämpfen. Dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai wirft Jopp vor, dass er "immer mehr zu einer Marionette" der verschiedenen Stämme geworden, der Korruption verfallen und für erhebliche Wahlfälschung verantwortlich sei. Jopp arbeitet heute am Institut für strategische Zukunftsanalyse, das von der Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Stiftung finanziert wird.

Im Frontal21-Interview kritisiert Jopp, dass am Hindukusch den Warlords Spielräume gelassen wurden. Dort seien sie teilweise Regierungsmitglieder unter Präsident Karzai, unterhielten außerdem nach wie vor ihre Privatarmeen, die sie über den Verkauf von Drogen finanzierten. Neben den Warlords seien die Stammesfürsten weiterhin ein wichtiger Machtfaktor im Land, die für ihren jeweiligen Stamm entscheiden, wo es hingehen soll. Jopp bezweifelt, dass diese Leute willens sind, demokratische Verhältnisse aufzubauen. "Sie leben vom Krieg. Die haben kein Interesse daran, dass die kriegsähnlichen Zustände beendet werden", so das Urteil des Sicherheitsexperten.
Die Deutschen machten sich in Afghanistan etwas vor, kritisiert Jopp. So sei das Vorhaben, dort eine Polizei aufzubauen, schon daran gescheitert, dass offensichtlich in Deutschland niemand hingeschaut habe, dass die dortige Polizei überwiegend aus Analphabeten besteht. Die Realität sei dort eine andere als die in Deutschland wahrgenommene, Beispiel Schulen: "Wenn man stolz ist, dass man Schulen aufbaut, aber gleichzeitig verheimlicht, dass die Hälfte dieser Schulen schon wieder zerstört worden ist, dann stellen sich eben auch gewisse Fragen an dieses Konzept."
Der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) trat wegen Fehlinformationen zu zivilen Opfern nach einem Luftangriff der Bundeswehr in Afghanistan zurück, genauso wie der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, und der zuständige Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Jungs Amtsnachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wird für seine Aussage kritisiert, dass der Angriff "hätte stattfinden müssen".
Für Jopp lässt sich das Problem Afghanistan nicht allein militärisch lösen. Man müsse noch viel stärker als bisher an den Wiederaufbau herangehen, denn nur so könne man die Bürger vor Ort überzeugen, dass eine Regierung besser sei als die der Taliban. "Wenn sie das nicht erreichen, werden wir über kurz oder lang vor dem Punkt stehen, möglichst schnell herauszukommen." Es gebe ja schon die ersten Warnungen, dass in Afghanistan ein zweites Vietnam drohe.
Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat seine Bewertung des verheerenden Luftangriffs auf zwei Tanklastzüge nahe Kundus korrigiert. Im Bundestag bezeichnete er das Bombardement vom 4. September 2009, bei dem bis zu 142 Menschen getötet wurden, als "militärisch nicht angemessen". Der Minister distanziert sich so von seiner vor vier Wochen getroffenen Aussage, es hätte in jedem Fall "zum Luftschlag kommen müssen". Zu Guttenberg begründet die Änderung seiner Einschätzung mit "zahlreichen neuen Dokumenten", die "gegenüber dem COM ISAF-Bericht deutlicher auf die Erheblichkeit von Fehlern" hinweisen würden. Der geheim gehaltene Bericht des NATO-Kommandos in Afghanistan (COM ISAF), der zu Guttenberg seit dem 28. Oktober vorlag, schilderte jedoch bereits die Bedenken der Jagdbomberpiloten, die Menschen bei den entführten Tanklastzügen ohne Vorwarnung anzugreifen. Der deutsche Kommandeur in Kundus hatte den Vorschlag der Piloten abgelehnt, vor dem Bombenabwurf das Gelände zur Warnung im Tiefflug zu überfliegen.
US-Präsident Barack Obama will die Strategie seines Landes in Afghanistan ändern und weitere Truppen in die Region entsenden. Die Truppenstärke soll nach Ankündigung von Obama um 30.000 Mann erhöht werden.