Verbraucherfreundlich und übersichtlich sollte die von der EU geforderte Ökokennzeichnung von Pkw sein. Doch davon sind die Pläne der Bundesregierung weit entfernt, so Kritiker. Umweltschützer sprechen von einer "hochkomplizierten Regelung", erdacht zum Schutz schwergewichtiger Spritschlucker - ganz im Sinne der deutschen Autoindustrie.
"Der Verbraucher wird veräppelt", so der Verkehrsexperte des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Werner Reh. Die gefundene Regelung sei für den Verbraucher nicht nachzuvollziehen. Dabei kritisiert er vor allem die geplante Klassifizierung entsprechend dem Fahrzeugleergewicht: "Ein Faktor von 0,064 muss genommen werden, um das Fahrzeuggewicht der Wagen mit dem zu multiplizieren. Dazu wird noch die Zahl 47,518 hinzuaddiert", erklärt Reh - eine "hochkomplizierte Formel". Der einzige Sinn dabei sei, dass man deutschen Herstellern von schweren und hoch-emittierenden Fahrzeugen Vorteile verschaffen will.
So hätte die nach der Formel ausgerichtete Einteilung der Autos in Effizienzklassen A bis G absurde Folgen, wie der Praxistest von Frontal21 zeigt: Der VW Golf hat einen durchschnittlichen Spritverbrauch von 6,9 Liter, sein Gewicht beträgt 1150 Kilogramm, pro Kilometer bläst er 164 Gramm CO2 in die Luft. Nach der komplizierten deutschen Regelung reicht es für den Golf nur zur vorletzten Energieeffizienz-Klasse F.
Der nächste Kandidat, der VW Touareg, hat einen Verbrauch von zehn Litern, sein Gewicht: 2230 Kilogramm - damit ist er fast doppelt so schwer wie der Golf. Und an CO2 stößt der Touareg sogar 254 Gramm aus. Doch nach der deutschen Zauberformel ist er eine Klasse besser als der Golf, nämlich in der Energieeffizienzklasse E.

"Es ist ziemlich sicher, dass die deutsche Autoindustrie mit ihrer Lobbyarbeit an dieser Stelle einen Erfolg hatte", betont der Sprecher des Verkehrsclub Deutschland, Gerd Lottsiepen. "Das ist klimapolitisch richtig schlimm, denn es belohnt Fahrzeuge, die zu viel Sprit haben." Lottsiepen weiß: "Eine Regelung wie in Frankreich, die nur nach CO2 geht, wäre für die deutsche Industrie, die ja überwiegend Fahrzeuge im Premiumbereich verkauft oder verkaufen will, nicht so günstig."

Dabei würde das französische Modell sogar Umweltschützer wie Werner Reh befrieden. Denn auch der BUND schlägt vor, die Klassifizierung direkt an den realen CO2-Ausstoß des jeweiligen Pkw zu koppeln. "Wir brauchen eine klare Orientierung für den Verbraucher. Der muss wissen: Wenn ich ein sparsames, effizientes Auto kaufe, ist es besser für die Umwelt." Es käme schlicht darauf an, was hinten rauskommt, so Reh.
Doch die EU hat ihren Mitgliedsländern zunächst frei gestellt, wie sie die Kennzeichnung der Kraftstoffverbrauchs- und der Emissionswerte darstellen. Das Bundeswirtschaftsministerium erarbeitete daraufhin die Einteilung in sechs Energieeffizienzklassen, die die fahrzeugspezifischen CO2-Emissionen mit dem Fahrzeugleergewicht verknüpfen. Eine Verfälschung aus der Sicht von Umweltexperten und Verbraucherschützern, eine Erleichterung für die deutsche Autoindustrie. Deren Einflussnahme sei enorm - und so befürchten Kritiker wie Werner Reh, "dass dieser absurde Vorschlag Eingang in das Europäische Recht finden wird".