Große Klassen, häufiger Unterrichtsausfall, verkürztes Abi - immer mehr Schüler kommen in der Schule einfach nicht mehr mit und sind auf Nachhilfe angewiesen. Die Branche boomt: Schätzungen zufolge benötigt mittlerweile jeder vierte Schüler Privatunterricht, für den die Eltern viel Geld zahlen müssen.
Lernen im Akkord: acht Stunden Schule, kurze Mittagspause, dann Nachhilfe. Ein ganz normaler Tag im Leben von Julia. Die 15-jährige Realschülerin büffelt in ihrer Freizeit für eine bessere Note in Englisch. Zweimal in der Woche fährt sie deshalb in ein Institut der Schülerhilfe, eines der größten professionellen Nachhilfeunternehmen in Deutschland.
Julia hofft, einen guten Schulabschluss zu schaffen und dadurch ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu erhöhen. Jeden Monat zahlt ihr Vater Axel Klein 124 Euro für die Nachhilfe seiner Tochter. Das entspricht dem Haushaltsgeld der Familie von einer Woche. Bald muss auch Julias Schwester zur Nachhilfe, für den alleinerziehenden Vater von drei Kindern sind die Kosten kaum zu bewältigen. Eine Urlaubsreise oder ein Restaurantbesuch seien da nicht mehr drin, so Klein.

Über drei Milliarden Euro legen Deutschlands Eltern jährlich für den Nachhilfeunterricht ihrer Kinder auf den Tisch. Vor zehn Jahren war es gerade mal die Hälfte. Längst hat sich für die privaten Lerninstitute ein lukrativer Markt entwickelt. Die Gründe sind vielfältig.
So seien die Anforderungen durch die Verkürzung des Abiturs an vielen Schulen gestiegen, weiß Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende der GEW. "Und wir haben zunehmend natürlich auch bei den Eltern die Situation, dass sie wissen: Wenn mein Kind nicht mindestens den Mittleren Abschluss, am besten das Abitur, schafft, dann wird es wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben", so Demmer.
Doch kommen die Nachhilfeschüler inzwischen aus jeder Altersstufe - schon Grundschüler nehmen Extrastunden, um die Empfehlung fürs Gymnasium zu schaffen. Der Druck auf Eltern und Kinder, so Experten, habe enorm zugenommen. Inzwischen hat sich neben den öffentlichen Schulen ein privates Nebenschulsystem etabliert.

So füllen die privaten Institute zunehmend die Lücken des deutschen Bildungssystems. "Wer sich Nachhilfe nicht leisten kann, hat Pech gehabt", so die Vorsitzende des Bundesverbands Nachhilfe- und Nachmittagschulen, Dr. Cornelia Sussieck. Eine gefährliche Entwicklung, glaubt Marianne Demmer: "Meine Befürchtung ist, dass die Chancen-Ungleichheit in Deutschland noch weiter zunimmt."

Mittlerweile gibt es über 4000 Nachhilfeinstitute - Tendenz steigend. Ein Phänomen, vor dem die Politik die Augen verschließe, kritisiert Demmer. Ihrer Ansicht nach sei es dringend notwendig, dass die Politik klärt, wie sie eigentlich damit umgehen will. Denn nach dem Grundgesetz unterstehe die Schule der Aufsicht des Staates.
Doch während sich die Politik Zeit lässt, entwickeln die professionellen Nachhilfe-Institute neue Strategien, um sich in den Schulen festzusetzen. Sie bieten Kooperationsmodelle mit öffentlichen Schulen an - wollen so den Nachhilfeunterricht direkt in die Schulen bringen. Natürlich müsse man sich hier überlegen, wer das bezahlt, räumt Sussieck, ein. Und so werden es wohl am Ende wieder die Eltern sein, die für die Bildung ihrer Kinder tief in die Tasche greifen müssen.
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