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22. März 2010
 

Frontal21

 
Nächste Sendung: 30.03.2010

Gefahr: Krebs durch Hormonbehandlung

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Der Beitrag als Video

Verharmloste Gefahren

Krebs durch Hormonbehandlung

von Olaf Lippegaus, Sabine Prokscha und Corinna Thimme

Die längere Einnahme von Hormonpräparaten bei Wechseljahrsbeschwerden erhöht Studien zufolge das Brustkrebsrisiko bei Frauen. Davor warnen Wissenschaftler und die Arzneimittelkommission seit Jahren. Doch manche Hersteller verharmlosen die Risiken, Ärzte und Patientinnen unterschätzen immer noch die Gefahr.

 
 
 
 

1,4 Millionen Frauen in Deutschland nehmen in den Wechseljahren Hormonpräparate gegen Beschwerden wie Schlafstörungen, Gemütsschwankungen und Hitzewallungen ein - viele von ihnen über mehrere Jahre. So bekommen nach Untersuchungen der Universität Bremen rund 40 Prozent der Patientinnen die Medikamente bis zu drei Jahre lang, 36 Prozent bis zu fünf Jahre und 24 Prozent sogar mehr als fünf Jahre.

 

Hohes Brustkrebsrisiko

Doch das birgt Gefahren, warnen Experten. So bestätigte jüngst eine Studie durch das Deutsche Krebsforschungsinstitut, dass das Brustkrebsrisiko "bei mehr als fünf Jahren Einnahme nahezu doppelt so hoch ist, wie bei Frauen, die keine Hormone einnehmen." Die Arzneimittelkommission fordert deshalb schon lange, Patientinnen die Medikamente nicht länger als zwei Jahre zu verschreiben. Doch viele Ärzte unterschätzen laut einer Umfrage der AOK immer noch die Gefahr: Fast 80 Prozent der Befragten halten die Risiken der Hormontherapie für überbewertet.

 

Das zeige, kritisiert die Allgemeinmedizinerin Professor Erika Baum von der Universität Marburg gegenüber Frontal21, "dass die Gehirnwäsche bei den Ärzten funktioniert hat. Die Ärzte werden immer wieder von den Pharmareferenten, von den kostenlosen Fortbildungsveranstaltungen, bei denen es vielleicht dann auch noch ein Essen gibt, in eine bestimmte Richtung beeinflusst."

 

Hersteller verharmlosen Risiken

Womöglich wird die Gesundheit der Frauen wirtschaftlichen Interessen geopfert, meint Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen: Denn die dauernde Gabe von Hormonpräparaten führe dazu, dass Frauen immer wieder in die Arztpraxis kommen müssten. "Das bedeutet auch ökonomisch natürlich eine wichtige Basis für eine Praxis." Zu den Vorwürfen will der Berufsverband der Frauenärzte gegenüber Frontal21 nicht Stellung nehmen.

 

Auch Hersteller der Hormonpräparate scheinen an Aufklärung kaum interessiert zu sein. Sie spielen Risiken herunter und vermitteln häufig den Eindruck, als seien die verschreibungspflichtigen Medikamente eher Wohlfühlprodukte. "Ihre Haut wird schöner und glatter", heißt es dann beispielsweise. Oder: "Keine Frau braucht heute aus Angst vor Krebs auf Linderung ihrer Wechseljahrsbeschwerden zu verzichten". Derartiges sei keine Produktinformation, sondern "hochgefährliche Werbung", kritisiert Professor Baum. "Hier werden Versprechungen gemacht, die in dieser Form überhaupt nicht tragbar sind, weil die Risiken, die wir inzwischen eindeutig nachgewiesen heruntergespielt werden - oder man verneint sie sogar."

 

Falsche Versprechen

Verharmlosen, verschweigen, beschönigen - Karin G. fühlt sich heute durch die Versprechen der Pharmaindustrie getäuscht. Nach Brustkrebs und einer Eierstockentfernung litt sie an Wechseljahrsbeschwerden und stieß auf das Medikament "Liviella". Das würde anders funktionieren als die anderen Hormonersatztherapien, das könne sie nehmen, wurde ihr gesagt. Der Hersteller, die Firma Essex-Organon, habe das Präparat eigentlich mehr als Lifestyle-Arzneimittel aufgebaut, kritisiert der Herausgeber des Arzneimittel-Telegramms, Wolfgang Becker-Brüser, "um jung zu bleiben, um eine schöne Haut zu haben, um Gewicht abzunehmen und unter anderem auch um Beschwerden der Wechseljahre zu dämpfen." Doch nach fünf Jahren hat Karin G. neue Metastasen, der Krebs hat sich ausgebreitet.

 

Dabei hatte der Hersteller in Aussicht gestellt, "Liviella" könne womöglich sogar vor Krebs schützen. Von "protektiven Effekten" war die Rede, und die sollte eine Studie belegen. Doch heraus kam das Gegenteil: Denn "Liviella" mit dem Wirkstoff Tibolon erhöht bei Brustkrebspatientinnen das Risiko, erneut zu erkranken. Die Studie wurde abgebrochen, um die teilnehmenden Frauen nicht weiter zu gefährden. Der Hersteller informierte Zulassungsbehörden, Ethikkommissionen, Studienzentren und Studienteilnehmerinnen. Die breite Öffentlichkeit aber erfährt lange nichts vom erhöhten Brustkrebsrisiko durch den in "Liviella" enthaltenen Wirkstoff Tibolon.

 

Öffentlichkeit erst spät informiert

Erst nach anderthalb Jahren wird die Studie öffentlich. Das entspreche "der guten wissenschaftlichen Praxis", so der Hersteller Essex-Organon in einer Stellungnahme gegenüber Frontal21. Überhaupt seien die Mitteilungen "gemäß den geltenden Regularien" und "vorschriftsmäßg" erfolgt. Kritikern reicht das nicht aus: "Ich halte das für unverantwortlich, "wenn eine Firma über negative Ergebnisse, wie in dem Fall Brustkrebs durch ein Produkt, nicht unverzüglich informiert und auch nicht dafür sorgt, dass unverzüglich die Ärzte darüber informiert werden", so Becker-Brüser gegenüber Frontal21. Nur so könnten Ärzte ihre Therapie-Entscheidung noch mal überprüfen - zu Gunsten hunderttausender Frauen.