Hauptnavigation:

Sie sind hier:

09. Februar 2010
 

Frontal21

 
Nächste Sendung: 23.02.2010

Schadstoffe: Gefährliche Schnuller?

[Video]

Gefährliche Schnuller?

Streit um Schadstoffe

von Birte Meier und Angelika Wörthmüller

Die einen sehen in ihr eine "Alltagschemikalie", die anderen sprechen von einer "gefährlichen Substanz": Bisphenol A, kurz BPA, ist ein Rohstoff zur Herstellung von Kunststoffen - und von Babyflaschen bis Computergehäusen in vielen Produkten enthalten. In Deutschland streiten Bundesbehörden über die Gefahr, die von der Chemikalie ausgeht. Die Verbraucher sind verunsichert.

 
 
 
Labor BPA. Quelle: ZDF
ZDF
Streit über Testergebnisse
Babyflaschen. Quelle: ZDF
ZDF
Risiko Nuckelflaschen?


Die Industrie verwendet BPA als Rohstoff zur Herstellung von Kunststoffen wie Polycarbonat und Epoxidharz. Er sei unverzichtbar, ohne ihn gäbe es keine CDs oder Windkrafträder. Auch Schnuller, Plastikbehälter und Beschichtungen von Konservendosen enthalten BPA, also Produkte, mit denen Menschen regelmäßig in Kontakt kommen und die Chemikalie so möglicherweise aufnehmen. Das Problem: Beim Menschen wirkt BPA wie das weibliche Sexualhormon Östrogen. Ob es Schaden anrichtet, ist umstritten.

Während das Bundesinstitut für Risikobewertung (BFR) keine unmittelbare Gefahr für den Menschen sieht, schätzt das Bundesumweltamt (UBA) die Chemikalie als schädlich ein. Es rät Schwangeren und Eltern von Kleinkindern, Produkte zu meiden, die Bisphenol A enthalten.

BUND warnt

Auch der Bund für Natur und Umwelt (BUND) warnt. Fünf von sechs untersuchten handelsüblichen Babyschnullern sonderten die Chemikalie Bisphenol A ab. Das von den Herstellern empfohlene Auskochen der Schnuller vor dem ersten Benutzen habe sogar zu einem vielfach größeren Austritt von BPA geführt. "Der Verdacht, dass von Bisphenol-A-haltigen Schnullern eine Gefährdung für Säuglinge und Kleinkinder ausgeht, wurde durch die Tests bekräftigt", so BUND-Chemieexpertin Patricia Cameron.

 

BPA entzweit die Wissenschaft. Zahlreiche Studien in den vergangenen Jahren hatten bei Tierversuchen herausgefunden, dass BPA zu Entwicklungsstörungen, Erbgutschäden und erhöhtem Krebsrisiko führen könne. Allerdings gab es auch andere Untersuchungen, nach denen die Dosen, die der Mensch aufnimmt, viel zu gering seien, als dass ein Schaden entstehen könne.

 
Schild BFR. Quelle: ZDF
ZDF
BFR: Noch keine Warnung an Verbraucher
 

Nur noch Produkte ohne BPA

Professor Frederick vom Saal von der Universität Missouri hat sich die Niedrigdosis-Studien zu BPA einmal genau angeschaut. Insgesamt erschienen bis September 2008 217 Untersuchungen an Tieren, die sensibel auf BPA reagieren können: 206 Studien wurden öffentlich finanziert, elf von der Industrie. Von den öffentlichen Studien wiesen fast alle auf Schäden hin, nämlich 202. Von den elf Industrie geförderten Untersuchungen hingegen keine einzige.

Offenbar gaben die von der Industrie geförderten Studien den Ausschlag bei der obersten europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Sie hat 2007 den Grenzwert um das Fünffache erhöht, ab dem die Einnahme von BPA für Menschen schädlich sei. Absurd, finden Kritiker. In Kanada wurden Baby-Plastikflaschen aus Polykarbonat inzwischen sogar verboten. In Deutschland haben sich nach Meldungen des BUND die meisten Hersteller von Schnullern jetzt entschlossen, in Deutschland nur noch Produkte anzubieten, die kein Bisphenol A enthalten.