Der Beitrag
"Das ist Wahnsinn"
von Jörg Göbel und Christian Rohde
Auch zahlreiche wissenschaftliche Studien warnen vor einer steigenden Unfallgefahr durch Übermüdung. Doch statt kürzer sollen die Flugdienstzeiten für Piloten sogar noch länger werden. Das sieht der Vorschlag der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) vor. Demnach sollen die Piloten nachts bis zu elf Stunden fliegen können, tagsüber bis zu 14, in Ausnahmefällen sogar 16 Stunden.Schuld sei der immer größere wirtschaftliche Druck bei den Airlines, erzählt ein Flugkapitän im Frontal21-Interview. Der Pilot fordert die Politik zum Eingreifen auf, sonst seien Flugzeugunglücke nur eine Frage der Zeit.Flugunfälle aufgrund von Übermüdung
Juni 1999: Flugzeug schießt über Landebahn hinaus
Beim American-Airlines-Flug 1420 von Dallas nach Little Rock gerät eine McDonnell Douglas MD-82 bei Gewitter von der Landebahn ab, prallt gegen eine Leitplanke hinter dem Flughafen und fängt schließlich Feuer. Es kommen elf von 143 Menschen um. Hauptgründe für den Unfall waren laut Untersuchungsbehörde zahlreiche Fehler während des Anfluges, die auf die Übermüdung der Piloten zurückzuführen waren. Der Anflug fand bei extrem schlechten Wetter- und Sichtbedingungen statt, wodurch die Landung zusätzlich erschwert und besondere Konzentration von den Piloten verlangt wurde. (Quelle: National Transportation Safety Board)
November 2001: Erschöpfter Pilot
Beim Absturz eines aus Berlin-Tegel kommenden Regionaljets der Crossair sterben insgesamt 24 Menschen. Auch hier spielte Erschöpfung des Piloten eine Rolle. Der Flugkapitän hatte im Anflug auf Zürich bei schlechter Sicht die zulässige Mindestflughöhe unterschritten. Im Untersuchungsbericht heißt es: „Das Konzentrations- und Entscheidungsvermögen des Kommandanten sowie seine Fähigkeit zur Analyse komplexer Vorgänge waren aufgrund von Übermüdung beeinträchtigt.“ Er war seit 13 Stunden und 37 Minuten im Einsatz, nach einer Vortags-Dienstzeit von 15 Stunden und 31 Minuten. (Quelle: Büro für Flugunfalluntersuchungen, Schweizerische Eidgenossenschaft)
November 2001: Viele Tote bei Absturz in New York
Nur etwa drei Minuten nach dem Start vom New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen stürzt eine Maschine der American Airlines ab. Alle 260 Insassen des Fluges 587 kommen ums Leben, in den beim Aufprall zerstörten Häusern sterben weitere fünf Menschen. (Quelle: National Transportation Safety Board)
Januar 2004: Absturz in Ägypten
Beim Absturz einer ägyptischen Passagiermaschine vor dem Badeort Scharm el Scheich kommen alle 148 Insassen ums Leben, unter ihnen 133 Franzosen. Das Flugzeug vom Typ Boeing 737 startete von Scharm el Scheich und verschwand rund elf Kilometer weiter südlich von den Radarschirmen. Die Maschine war auf dem Weg nach Kairo und sollte nach einem Besatzungswechsel von dort nach Paris weiterfliegen. Ägyptische Rettungsmannschaften entdeckten das Wrack in etwa 800 Meter Tiefe nahe der Küste. (Quelle: Agyptian Ministry of Civilaviation)
Februar 2009: Großbrand nach Flugzeugabsturz
Beim Absturz einer Passagiermaschine im US-Bundesstaat New York kommen 50 Menschen ums Leben. Die Turboprop-Maschine vom Typ Dash 8 mit 49 Menschen an Bord stürzt in ein Wohnhaus der Kleinstadt Clarence, einem Vorort von Buffalo. Die Maschine der Continental Airlines befand sich auf dem Flug von Newark in New Jersey nach Buffalo, der zweitgrößten Stadt im Staat New York. Nach dem Absturz bricht an der Unglücksstelle ein Großbrand aus. Die Ursache für diesen Crash: Übermüdung der Cockpitbesatzung. Der Unfall löste in den Vereinigten Staaten eine lang geforderte Neuregelung der Flugdienst- und Ruhezeitregelungen aus. Diese wurden inzwischen verabschiedet und deutlich verschärft. (Quelle: National Transportation Safety Board)
Mai 2010: Schnarchgeräusche aus dem Cockpit
Bei einem Landeunfall am Flughafen der südwestindischen Stadt Mangalore kommen knapp 160 Menschen ums Leben. Die Air-India-Express-Boeing 737 war aus Dubai kommend über die Runway hinaus geschossen, eine Felswand hinuntergestürzt und ging in Flammen auf. Acht Insassen überleben das Unglück. Der Pilot der Unglücksmaschine galt als sehr erfahren, er hatte den Flughafen Mangalore mehrmals zuvor angesteuert. Als die Unfallermittler das Cockpit-Tonband abspielen, hören sie Schnarchgeräusche. Der schlaftrunkene Flugkapitän ignorierte die wiederholte Aufforderung des Co-Piloten, die Landung abzubrechen. (Quelle: Goverment of India Ministry of Civil Eviation)
Januar 2011: Pilot verwechselt Venus mit Flugzeug
Ein Copilot der Fluglinie Air Canada setzt zum Sturzflug an, weil er eine Maschine auf seine Boeing 767 zukommen sieht. Wie sich ein Jahr später in einem Untersuchungsbericht der kanadischen Flugsicherheitsbehörde herausstellt, handelte es sich bei dem hellen Objekt am Himmel aber gar nicht um ein anderes Flugzeug, sondern um den Planeten Venus. 14 Passagiere und zwei Crew-Mitglieder werden bei dem Ausweichmanöver verletzt. Das Flugzeug befand sich auf dem Weg von Toronto nach Zürich. (Quelle: Transportation Safety Board of Canada)


